Was ist eine Tatsache?

Ich habe am 2.4.2012 an einer philosophischen Diskussionsrunde zum Thema “Was ist eine Tatsache?” mit dem Referenten Markus Melchers teilgenommen.
Hier ist mein persönliches Protokoll:

Die Diskussionsrunde wurde mit folgenden drei Zitaten eingeleitet:

  • John Steinbeck (Quelle: “Der fremde Gott” ): “Schließlich braucht der Mensch doch etwas, worauf er bauen kann, wovon er sicher weiß, daß es am Morgen da ist.”
  • Sir Arthur Conan Doyle: “Es gibt nichts Trügerisches als eine offensichtliche Tatsache.”
  • Robert Lembke: “Man sollte sich nicht durch eine Tatsache beirren lassen, wenn man sich einmal eine Meinung gebildet hat.”

Folgende Stichpunkte sind von mir so verstandene Zitat- und Gedankenschnipsel aus der Diskussion:

  • Tatsachen befinden sich innerhalb von Raum und Zeit. Sie haben etwas mit Realität zu tun.
  • Tatsachen sind Verb und Substantiv zugleich.
  • Tatsachen sind nicht immer eindeutig. Z.B. ein Pfund Zucker wiegt auf dem Mond weniger.
  • Eine Tatsache existiert, weil sie empirisch fassbar ist.
  • Eine Tatsache ist auch ein Konstrukt des Gehirns und eine Frage der Wahrnehmung
  • Es gibt Tatsachen, die sinnlich nicht wahrnehmbar sind.
  • Es gibt auch theoretische Wege Tatsachen wahr zu nehmen, z.B. dass die Lichtgeschwindigkeit knapp 300000 Km/s beträgt.
  • Tatsachen lassen sich auch durch Notwendigkeiten herleiten.
  • Indizien sind Spuren der Wirklichkeit, die auf eine Tatsache hindeuten.
  • Eine Tatsache ist zumindest theoretisch beweisbar.
  • Was wir als Tatsachen behaupten sind nur Ausschnitte der Realität, die wir individuell durch unsere Kriterien festlegen. Beispiele:
    • Die Münze ist sowohl flach, als auch rund, als auch kupferrot.
    • Der Apfel
      • Für das Kind ist er lecker
      • Für den Verkäufer wertvoll
      • Für den Künstler schön
  • Tatsachen sind verläßlich, selbstverständlich und beinhalten Erfahrungswerte.
  • Das Wort Tatsache kam 1756 in die Welt. Herr Spalding übersetzt “Matter of fact” in “Tatsache” in Bezug auf das, was Gott gemacht hat. Es ist verläßlich.
  • Tatsachen sind (historische) Ereignisse, die nur für die Vergangenheit und die (infinitisemal kleine) Gegenwart gelten.
  • Alle Ereignisse die in der Gegenwart+Vergangenheit stattgefunden haben sind Tatsachen.
  • Wittgenstein: “Es gibt keine falschen Tatsachen”. Aber es gibt falsche Behauptungen darüber (“Die Erde ist eine Scheibe”).
  • Eine Tatsache ist ein Gegenstück(Ergänzungsstück) zum Glauben.
  • Tatsache heist auf Lateinisch “res facti” (gemachte Dinge).
  • Bei einer Tatsache wird nichts durch Phantasie hinzugefügt oder weggenommen.
  • Einige Tatsachen brauchen den Menschen, der sie erst zu einer Tatsache macht. Z.B. der Ton, die Farbe,…
  • So lange Fakten aufgelistet werden, bleibt man seriös. Fängt man aber an zu synthetisieren, gerät man in die Grauzone der Bewertung.
  • Man streitet nicht über Tatsachen, sondern deren Bewertungen
  • Eine Tatsache ist etwas objektives
  • Wittgenstein: Eine Tatsache ist eine ontologische Vorraussetzung für die Wahrheit.
  • Es gibt Erfahungs-, Beobachtungs- (z.B. der Tod), kulturelle, historische und soziale Tatsachen.
  • Wittgenstein: Tatsachen sind es, die meine Sätze über die Welt wahr machen.
  • Es gibt gefälschte (nicht falsche) Tatsachen, erfundene Traditionen, Verschwörungstheorien (siehe auch unten, am Rande).
  • Unsere Sprache reicht nicht aus um Tatsachen exakt zu beschreiben.
  • Einige Tatsachen sind eindeutig, andere müssen interpretiert werden (z.B. Statistiken in sozialen Tatsachen).
  • Es gibt vier Arten der Realtität aus der Erkenntnistheorie:
    • Interner Realismus (Hilary Putman “Gehirn im Tank”): Es gibt keine Werte ohne Tatsachen. Es gibt keine Tatsachen ohne Werte.
    • Externer Realismus (John Searl): Rohe Tatsachen sind von unserem Wissen unabhängig, alles andere sind soziale Tatsachen.
    • Transzendentale Tatsachen (Kant): Meinungen
    • Hypothetischer Realismus
  • Wittgenstein: Aussagen müssen sich auf etwas in der Welt seiendes beziehen.

Am Rande:

Pseudowisenschaftliche Texte (z.B. Verschwörungstheorien) lassen sich u.a. durch folgende Kriterien entlarven:

  • Keinen Zweifel haben
  • einseitige Darstellung von “Zweck-Tatsachen”
  • Behauptungen, aber keine Begründungen
  • Definierung rückwirkender Kausalketten (“Weil das so ist, muss es durch jenes so geworden sein.”)(Aus Indizien werden Beweise)
  • Rethorik
  • nicht ergebnisoffen, sondern auf ein Ziel ausgerichtet.

Schlußzitate:

  • Thomas Huxley: „Die Tragödie der Wissenschaft – das Erschlagen einer schönen Hypothese durch eine häßliche Tatsache.“
  • Jane Austen: “Es ist eine unumstößliche Tatsache, daß ein allein stehender Mann mit Vermögen dringend eine Ehefrau braucht.”

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