Selbsttäuschung

Ich habe am 7.04.2014 an einer philosophischen Diskussion zum Thema “Selbsttäuschung” mit dem Referenten Markus Melchers teilgenommen.
Hier ist mein persönliches Protokoll:
Die Diskussionsrunde wurde mit folgenden drei Zitaten eingeleitet:
  • Fjodor Michailowitsch Dostojewski: “Die Selbsttäuschung beherrscht der Mensch noch sicherer als die Lüge.”
  • Platon: “Von sich selbst getäuscht zu werden ist doch das Allerärgste. Denn wenn der Betrüger nicht auf ein Weilchen sich selbst entfernt, sondern immer bei der Hand ist, wie sollte das nicht schrecklich sein.”
  • Ambrose Bierce: “Selbsttäuschung ist die Mutter einer ehrenwerten Familie, in der sich neben vielen anderen wohlgeratenen Söhnen und Töchtern finden: Enthusiasmus, Zärtlichkeit, Selbstverleugnung, Glaube, Hoffnung, Nächstenliebe.”

Folgende Stichpunkte sind von mir so verstandene Zitat- und Gedankenschnipsel aus der Diskussion:

  • Selbsttäuschung ist ein Widerspruch in sich, weil um täuschen zu können, muss man auch die Wahrheit kennen.
  • Beispiel für Selbsttäuschung: In der Kindheit wird man geschlagen, aber heute behauptet man, dass man eine schöne Kindheit hatte.
  • Verdrängung ist ein aktiver Akt der Selbsttäuschung (Freudsche Verdrängungstheorie).
  • Selbsttäuschung ist eine Art der subjektiven Wahrnehmung.
  • Viele ältere Menschen glauben, dass sie jünger sind, als im Pass steht.
  • Hannah Ahrend spricht von der Gedankenlosigkeit als die Wurzel des Bösen.
  • Ist Selbsttäuschung irren?
  • Ulli Hoeness ist auch einer Selbsttäuschung erlegen. Er glaubte mit seinen Spenden die Steuer nicht zahlen zu müssen.
  • Sektengläubige sind einer legalen Form der Selbsttäuschung erlegen.
  • Selbsttäuschung kann bewusst und unbewusst entstehen.
  • Kann man sich eigentlich selber täuschen oder kann man nur andere dazu bringen, dass sie sich selbst täuschen?
  • Mit der Täuschung wird immer ein Vorteil erhofft.
  • Durch die Selbsttäuschung hat man einen Placebo-Effekt und kann dann tatsächlich mehr.
  • Wenn man sich lange genug selber täuscht, glaubt man nachher seine eigene Lüge.
  • Wenn ich unter Drogen halluziniere, täusche ich mich auch selber.
  • Viele glauben von sich, sie seien unersetzbar und stellen erst beim Zusammenbruch fest, dass sie sich selbst getäuscht haben.
  • Viele, die tagtäglich an allem rumnörgeln, versuchen zwei widersprechenden Ansprüchen zu genügen.
  • Selbsttäuschung kommt in der Philosophie von außen und von innen:
    • Von außen durch eine Zeustochter, die Personen verwirrt.
    • Von innen durch einen Dialog von Sokrates, der durch ständige Rückfragen die Selbsttäuschung enttarnte.
    • Bei Sokrates ist Selbsttäuschung der Anspruch etwas zu Wissen.
    • Bei der Rationalisierung (vom Mythos zum Logos) wurden die Selbsttäuschungen auch aufgeklärt (enttäuscht).
  • In der Physik hat der Mensch geglaubt, dass Atome unzerteilbare Teilchen sind. Obwohl es eine Wissenschaft ist, haben sich die Menschen getäuscht.
  • Kinder täuschen sich beim Spielen ständig selbst.
  • Melschersche Definitionen:
    • Selbsttäuschung ist Unkenntnis seiner selbst.
    • Verkennen der eigenen Leidenschaft und Emotionen.
    • Aktive Verleugnung der Realität.
  • Zum Homo Sapiens gehört auch eine sexuelle Identität. Homosexuelle sind Randgruppen und müssen sich permanent selber täuschen, um in der Gemeinschaft dazu zu gehören.
  • Seneca schlägt vor zur Selbsttäuschung zu greifen, um die Trauer zu überwinden.
  • Religion ist Selbsttäuschung (es sei denn man erlebt (subjektive) Wunder).
  • Kreationisten sind Bescheidwissenschaftler und Diskursverweigerer. Echte Wissenschaft hinterfragt sich.
  • Hermeneutik: Die Kunst aus einem Text etwas heraus zu lesen, was nicht drin steht 🙂
  • In einem Selbstgespräch kann ich mich nicht selber täuschen. (Es sei denn es gibt verschiedene Selbste. Diese können parallel existieren (Schizophrenie) oder zeitlich abgegrenzt sein (früher war ich ein anderer als heute)).
  • Aber vielleicht gibt es unterschiedliche Arten der Täuschung.
  • Selbsttäuscher fallen da auseinander, wo sie anders argumentieren, als sie handeln.
  • Der Gegenbegriff zur Selbsttäuschung ist Selbsterkenntnis.

Und hier die Abschlußzitate:

  • Ludwig Marcuse: “Aus der Selbstbeobachtung gewonnene Wahrheiten sind weniger eine Sache des Scharfsinns als des Mutes.”
  • Oscar Wilde: “Alle guten Vorsätze haben etwas Verhängnisvolles. Sie werden beständig zu früh gefasst.”
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