Selbsterkenntnis

Ich habe am 6.2.2012 an einer philosophisschen Diskussionsrunde zum Thema “Selbsterkenntnis” mit dem Referenten Markus Melchers teilgenommen.
Hier ist mein persönliches Protokoll:

Die Diskussionsrunde wurde mit folgenden drei Zitaten eingeleitet:

  • Inschrift auf dem Tempel von Delphi: “Erkenne dich selbst”
  • Goethe: “Man hat zu allen Zeiten gesagt und wiederholt, man solle trachten, sich selber zu kennen. Dies ist eine seltsame Forderung, der bis jetzt niemand genügt hat und der eigentlich auch niemand genügen soll.”
  • Friedrich Hebbel: “Es gibt ein sicheres Zeichen der Selbsterkenntnis: wenn man an sich selbst mehr Fehler bemerkt als an anderen.”

Folgende Stichpunkte sind von mir so verstandene Zitat- und Gedankenschnipsel aus der Diskussion:

  • Tiere haben meistens keine Selbsterkenntnis.
  • Selbsterkenntnis ist das Aussage treffen können über sich selbst.
  • Selbst = Ich gehe von mir aus (Subjekt) und schaue auf mich (Objekt).
  • Erkennen = Ein Aha-Effekt, etwas Neues wahr nehmen.
  • Selbsterkenntnis ist, wenn man auf einmal versteht warum man so handelt, was die eigene Motivation ist (Ursachenforschung).
  • Das Zitat von Hebbel könte auch von einem Depressiven stammen.
  • Die Selbsterkenntnis steht in einem Bezug zur Umgebung. In einem schwarzen Raum könnte sie nicht entstehen.
  • Ist das “Selbst” das in dieser Welt aufgewachsene “Ich”?
  • Selbsterkenntnis ist kein Gefühl, sondern ein Ergebnis des Nachdenkens.
  • In der Psychologie wird zur Selbsterkenntnis das “Johari-Fenster” benutzt.
  • Freud: Der Mensch besteht aus einem “Es”, “Ich” und “Über-Ich”.
  • (Markus Melchers: Zu Freud: Der Mensch besteht nicht aus Ich, Es und Über-Ich – es sind dies die verschiedenen bewussten (bzw. nichtbewussten) Moralinstanzen. (Nebenbei: dieses Modell ist mittlerweile auch aufgrund der modernen Wissenschaften so modifiziert worden, dass es so simpel-mechanistisch wie der Herr Freud es sich noch gedacht hat, nicht mehr vorgestellt wird.
    )

  • Die Suche nach der Selbsterkenntnis ist der Beweis für das Misstrauen gegenüber einen selber.
  • Der Selbsterkennende ist Kläger, Angeklagter, Verteidiger und Richter in einer Person.
  • Das Urteil hängt davon ab, ob das Motiv vor den eigenen Idealen bestehen kann oder nicht.
  • Das “Selbst” geht weit über das “Ich” hinaus.
  • C.G. Jung: Castor und Pullux stehen für das sterbliche “Ich” (von der Umwelt geprägte Ego) und das unsterbliche “Selbst” (im Transzendenten).
  • Wir sollten zwischen “Ich”-Erkenntnis und “Selbst”-Erkenntnis unterscheiden.
  • Die Selbsterkenntnis ist wichtig z.B. für die Berufswahl (z.B. sollte ein Introvertierter Mensch nicht Lehrer werden).
  • Die Selbsterkenntnis ist ein alleiniger Besitz.
  • Zur Selbsterkenntnis gehört die Fähigkeit der Empathie. Nur wenn ich erkenne, dass ich anderen Weh tue, habe ich Selbsterkenntnis erlangt.
  • Aristoteles: Zur Selbsterkenntnis brauchen wir einen guten Freund.
  • David Hume: Das Bewußtsein besteht aus vielen “Iche”.
    • (Markus Melchers: Zu Hume: Der Mensch besteht nicht aus vielen Ichen, die mit sozialen Rollen identisch sind. Aber: Der Mensch “besitzt” je verschiedene Bewusstseinszustände, die dem Individuum vertraut sind und von ihm als mit sich selbst identisch erfahren, erlebt und benannt werden = viele Iche.)
  • Würde eines meiner Iche (Bewußtseinszustände) fehlen, wäre ich ein anderer Mensch (Persönlichkeitsveränderung im Alter).
  • Zur Selbsterkenntnis gehört historisches, nationales, kulturelles Bewußtsein.
  • Aristoteles: Wir müssen das Absolute annehmen (also einen Urgrund für diese Welt), wegen der ersten Ursache (dem Urknall).
  • Im anthropischen Prinzip (Wissenschaftliche Beschreibung wie der Mensch in diese Welt kam und welcher Bedingungen es bedarf) gibt es keine Gründe (Kausalität). Die Wissenschaft sucht nicht nach einem Sinn oder Bedeutung.
    • (Markus Melchers: Zum anthropischen Prinzip: hier “gibt es” Ursache/Verursachung, aber keine Gründe.)
  • Man braucht die Selbsterkenntnis um Sinn und Bedeutung suchen und finden zu können.

Schlußzitate:

Blaise Pascal: “Wenn Selbsterkenntnis auch nicht ohne weiteres zur Wahrheit führt, so dient sie doch wenigstens dazu, das Leben zu ordnen.”

Ludwig Marcuse: “Aus der Selbsterkenntnis gewonnene Wahrheiten….”

(Markus Melchers:
Eine kurze Lit-Liste, die auch die Vorgeschichte Freuds berücksichtigt finden Sie hier:
Alt, P.-A.: Der Schlaf der Vernunft. Literatur und Traum in der Kulturgeschichte der Neuzeit; München 2002.
Assmann, J.: Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen; München 1999.
Blackmore, S.: Gespräche über Bewußtsein; Frankfurt a. M. 2007.
Damasio, A. R.: Descartes‘ Irrtum. Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn; München 31998.
Freud, S.: Die Traumdeutung.
Fried, J.: Der Schleier der Erinnerung. Grundzüge einer historischen Memorik; München 2004.
Gekle, H.: Wunsch und Wirklichkeit. Blochs Philosophie des Noch-Nicht-Bewußten und Freuds Theorie des Unbewußten; Frankfurt a. M. 1986.
Groddeck, G.: Das Buch vom Es.
Kandel, E. C.: Ein neuer theoretischer Rahmen für die Psychiatrie, in: ders: Psychiatrie, Psychoanalyse und die neue Biologie des Gedächtnisses; Frankfurt a. M. 2006, S.73-111.
Ders.: Biologie und die Zukunft der Psychoanalyse, in: ders: Psychiatrie, Psychoanalyse und die neue Biologie des Gedächtnisses; Frankfurt a. M. 2006, S.119-183.
Lütkehaus, L. (Hg.): „Dieses wahre innere Afrika“. Texte zur Entdeckung des Unbewußten vor Freud; Gießen 2005.
Marquard, O.: Transzendentaler Idealismus, Romantische Naturphilosophie, Psychoanalyse. Schriftenreihe zur Philosophischen Praxis Bd. 3; Köln 1987.
Metzinger, Th. (Hg.): Bewußtsein. Beiträge aus der Gegenwartsphilosophie; Paderborn 1995.
Nietzsche, F.: Die fröhliche Wissenschaft.
Nitzschke, B.: Aufbruch nach Inner-Afrika. Essays über Sigmund Freud und die Wurzeln der Psychoanalyse; Göttingen 1998.
Roth, G.: Aus Sicht des Gehirns; Frankfurt a. M. 2003.
Schopenhauer, A.: Die Welt als Wille und Vorstellung.
Sloterdijk, P.: Der Zauberbaum. Die Entstehung der Psychoanalyse im Jahr 1785. Ein epischer Versuch zur Philosophie der Psychologie; Frankfurt a. M. 1987.
Taylor, Ch.: Quellen des Selbst. Die Entstehung der neuzeitlichen Identität; Frankfurt a. M. 1996.
Tomasello, M.: Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens; Frankfurt a. M. 2006.
Wöbkemeier, R.: Erzählte Krankheit. Medizinische und literarische Phantasien um 1800; Stuttgart 1990.
)

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