Schicksal

Ich habe im Mai 2012 an einer philosophisschen Diskussionsrunde zum Thema “Schicksal” mit dem Referenten Markus Melchers teilgenommen.
Hier ist mein persönliches Protokoll:

Die Diskussionsrunde wurde mit folgenden drei Zitaten eingeleitet:

  • Albert Camus: “Das menschliche Herz hat eine fatale Neigung, nur etwas Niederschmetterndes Schicksal zu nennen.”
  • Michel Tournier: “Gegen die Wut der Elemente kann man nichts tun, also tut man auch nichts dagegen.”
  • Arthur Schopenhauer: “Was die Leute gemeiniglich als Schicksal nennen, sind meistens nur ihre eigenen dummen Streiche.”

Folgende Stichpunkte sind von mir so verstandene Zitat- und Gedankenschnipsel aus der Diskussion:

Das Wort Schicksal ist meist negativ besetzt.
Z.B. Wird Schicksal oft als etwas bezeichnet, was konträr zur Vorstellung des eigenen Lebens steht (Schicksalsschlag).

Das Wort Schicksal ist heutzutage stark verwässert. Beispiele:

  • “Sissi, Schicksalsjahre einer Kaiserin”
  • “Das Schicksal des Euro hängt am seidenen Faden”
  • “Das war eine schicksalhafte Begegnung”

Für jede Erklärung des Schicksals haben wir ein Wort gefunden, welches besser passt. Beispiele:

  • Natur
  • eigene Schuld (Blödheit)
  • Tragödie (obwohl das nicht ganz passt, weil wir dort die Zuschauer sind. Wir wissen mehr als der Held, welcher sich vergeblich abmüht)

Weitere Wortdeutungen:

  • Schicksal ist die Summe aller Einflüsse.
  • Schicksal ist eine Macht, die größer ist als ich.
  • Schicksal bedeutet vollkommenes ausgeliefert sein.
  • Schicksal ist der Bereich meines Lebens in dem ich nicht frei bin.
  • Schicksal ist wenn ein Schmetterling vergeblich versucht den Sturm abzulenken. Also der Bereich im Chaos, wo eine Ordnung die kleineren Änderungen glatt bügelt (wie ein starker konstanter Wind letztendlich die Turbulenzen laminarisiert).
  • Schicksal ist, wenn die Sandburg noch so schön gebaut wurde, sie kann die herannahende Flut nicht überstehen.
  • Schicksal kann etwas blindes beinhalten (z.B. unbesiegte Krankheiten). Durch zunehmendes Wissen und durch beherztes Eingreifen verkleinern wir den Teil unseres Lebens, der Schicksalhaft ist.
    Das Schicksal hat aber immer noch eine große Macht:
    – Durch natürliche Prozesse: Tod, Gestirnlauf, Chaos,…
    – (wenn man daran glaubt): Durch übernatürliche Prozesse (Gottes Wille)

Die Lateiner kannten zwei Wörter für Schicksal:

  • Fatum (das Unabänderliche)
  • Fortune (das Geführte)

Die Franzosen benutzen heute noch Fortune für Schicksal
Die Griechen sagen “Los”, “Zufall”,”Notwendigkeit”
Die Araber sagen Katar = “Los”,”Glück”

Es gibt Einzelschicksale und Völkerschicksale.
Ein Schicksal ist unabänderlich, sonst wäre es kein Schicksal. D.h. das Schicksal selbst in die Hand nehmen ist zumindest als Satzbau ein Widerspruch.
Der Versuch “auf eine andere Schiene” zu wechseln, wird umgangssprachlich als der Versuch das Schicksal zu ändern bezeichnet (auch wenn es wie gesagt ein Widerspruch ist bzw. das Wort verwässert).
Menschen, die glauben das Schicksal von Völkern ändern zu müssen und sich im Bunde einer Vorsehung wissen, nennt man Fatumsgewisse (Attentäter).
Es gibt bei der Fatumsgewissheit explosive Texte (radikale Schriften), die sich in den Köpfen und Händen der Attentäter tatsächlich zu Sprengstoff manifestieren.
Der Fatumsgewisse kennt keine Alternativen.

Die Philosophie verwendet heutzutage das Wort Schicksal nicht mehr. Es wurde ausgetauscht durch Determinismus. Das zeigt dem auch die Grenzen. In chaotischen Bereichen (wie dem Leben) ist nicht sehr viel und wenn überhaupt nur die nahe Zukunft determiniert. Unabänderlichkeit gibt es demnach nur in geordneten, alleinstehenden Systemen (z.B. Gestirnlauf) oder sich aufbrauchenden Systemen (z.B. Leben).
In der Religion hat das Schicksal die Bedeutung, das die übergeordnete Macht auch eine übernatürliche ist. Man spricht dann auch von Fügung oder Gnade.
Die Theologen unterscheiden zwischen Gottes Macht und dem Schicksal. (Augustinus hat sich dagegen gewehrt.)
Die Stoiker sprachen beim Schicksal von der Natur. Dort haben wir Menschen aber Gestaltungsmöglichkeiten.

  • Heidegger: “Die Zeitlichkeit des Menschen ist sein Schicksal.”
  • Karl Jaspers (sinngem.): Man kann sein Leben selber gestalten.
  • Der Körper unterliegt dem Schicksal, die Gedanken aber nicht.
  • Bertold Brecht: “Das Schicksal des Menschen ist der Mensch.”
  • Kurt Tucholsky: “Deutschlands Schicksal: Vor dem Schalter zu stehen. Deutschlands Ideal: Hinter dem Schalter zu sitzen.”
Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s