Scham und Schämen

Ich habe am 1.09.2014 an einer philosophischen Diskussion zum Thema “Scham und Schämen” mit dem Referenten Markus Melchers teilgenommen.
Hier ist mein persönliches Protokoll:

Die Diskussionsrunde wurde mit folgenden drei Zitaten eingeleitet:

  • Jean Jacque Cloquet “Wer errötet fühlt sich schon schuldig. Die wahre Unschuld schämt sich nicht.”
  • Demotrik: „Auch wenn du allein bist, solltest du nichts Böses tun oder sagen. Lerne, dich mehr vor dir als vor anderen zu schämen.“
  • Freud: “Der Verlust von Scham ist das erste Zeichen des Schwachsinns.”

Folgende Stichpunkte sind von mir so verstandene Zitat- und Gedankenschnipsel aus der Diskussion:

  • Heute steht man wegen vieler Kameras und Handys ständig unter Beobachtung.
  • Ist Peinlichkeit dasselbe wie Scham?
  • Nietschze: “Erwachsensein heißt, seiner selbst nicht mehr schämen zu müssen.”
  • Warum ist schämen ein blödes Gefühl?
  • Der Mensch sollte sich nicht seiner Nacktheit, sondern wegen seines moralischem Verhaltens schämen.
  • Was dem einen peinlich ist, darüber ist ein anderer erhaben.
  • Scham hat viele Ursachen, z.B. eigene Inkompetenz.
  • Was ist der Unterschied zwischen schlechtem Gewissen und Scham?
  • Frühere Lehrer stellten Schüler in die Ecke, wo sie sich schämen sollten.
  • Auch der Pranger diente dazu, dass Leute sich schämen sollten.
  • Schämen passiert aus dem Affekt und sorgt für körperliche Merkmale (Erröten), ein schlechtes Gewissen nicht.
  • “Fremdschämen” gibt es eigentlich nicht, weil derjenige, der sich schämen sollte, tut es nicht.
  • Eine Situation kann beschämend sein.
  • Prüderie könnte mit “falscher Scham” übersetzt werden.
  • In den Medien wird das Schamgefühl ständig unterboten. (Das “N” in “RTL” steht für “Niveau”)
  • Platon: Scham kann eine Form des Wissens sein, nämlich darüber, was sich gehört.
  • Scham ist das bewusste Wissen, dass man sich seinen Trieben unterworfen hat.
  • Eingeborene schämen sich nicht, dass sie nackt herum laufen (falsch, siehe unten) – Scham hat etwas mit Kultur zu tun.
  • Was ist das Gegenteil von Scham? Schamlos? Stolz? – Nein, es gibt wohl keins.
  • Genesis 1. Sie sahen, dass sie nackt waren und schämten sich.
  • Schämen ist etwas archaisches. (?)
  • Aber Tiere können sich nicht schämen. (Einige wohl doch).
  • Scham wird mit dem Schambereich in Verbindung gebracht.
  • Norbert Elias: Es gibt Steigerungen des Scham. Der Fortschritt der Zivilisation zeigt sich durch Distanzierungsphänome. Der einfache greift zum Objekt der Begierde, der Fortgeschritten benutzt ein Werkzeug dafür.
  • Hans Peter Dürr sagt, dass dies ein Irrtum sei. Auch Regenwaldbewohner empfinden Scham. Sie haben ein Blickverbot.
  • Max Scheler sagt: Die Bekleidung ruft das Schamgefühl hervor, nicht der Mangel davon.
  • Wer sich schämt hat ein negatives Gefühl von sich selbst, er wünscht sich weg aus der Situation.
  • Scham hat etwas mit Wissen zu tun, denn kleine Kinder schämen sich nicht.
  • Scham ist eine psychosomatische Verknüpfung, ein Regelkreis zwischen Wissen und Körper, der auch einen Instinkt beinhaltet (Ich vermute, eine Ableitung des Fluchtinstinkts).
  • Man kann auch andere beschämen.
  • Ärzte werden von philosophischen Praktikern beraten, wie man Patienten möglichst wenig beschämt. (Z.B. ist weiße Bettwäsche für Muslime beschämend, weil es eine Trauerfarbe für sie ist.)
  • Beschämen ist so etwas wie entwürdigen.
  • Scham ist ein Würdeverlustgefühl.
  • Wenn man in die Medien schaut, hat man das Gefühl, dass unsere Kultur immer mehr das Schamgefühl verliert.
  • Melchers: Scham ist ein Distanzverlustgefühl. Immer dann wenn jemand diese Distanz ohne meine Einwilligung durchdringt, fühle ich Scham.
  • Hans Peter Dürr: Scham gehört zur sozialen Organisation dazu.
  • Im Gothischen hat Scham nichts mit Sexualität zu tun sondern heißt, sich verletzt fühlen.
  • Robinson Crusoe schämte sich für Verhaltensweisen vor seiner Strandung, obwohl er alleine war.
  • Beim Schämen wird die ganze Existenz in Frage gestellt, bei der Peinlichkeit wird nur ein kleiner Teil seiner Selbst in Frage gestellt.
  • Scham hängt stark mit dem Selbstbild zusammen.
  • “Scham”, “genieren”, “genant” sind Synonyme.
  • Wenn man sich nicht mehr so oft schämen möchte kann man das abtrainieren, indem man kurz innehält und die Scham hinterfragt.
  • In der Scham klage ich mich selbst an.
  • Es gibt viele Überlebende aus KZ, Flugzeugunglücke, Zugunglückliche,…, die sich dafür schämen, überlebt zum haben.
  • Günter Anders spricht von einer “prometheischen Scham”. Es ist die Scham, den Objekten die wir in die Welt erschaffen haben, nicht mehr zu genügen. Wir schämen uns, dass wir dass nicht mehr können, was die Maschinen können. Also derjenige, der sich nicht in der Lage fühlt die Gebrauchsanweisung zu lesen oder Windows 8 zu installieren, hat eine prometheische Scham.

Und hier die Abschlusszitate:

  • Kant: “Scham ist Angst aus der besorgten Verachtung einer gegenwärtigen Person und, als solche, ein Affect. Sonst kann einer sich auch empfindlich schämen ohne Gegenwart dessen, vor dem er sich schämt; aber dann ist es kein Affect, sondern wie der Gram eine Leidenschaft sich selbst mit Verachtung anhaltend, aber vergeblich zu quälen. Die Scham dagegen, als Affect, muß plötzlich eintreten.”
  • Nietzsche: “Wen nennst du schlecht? Den der immer beschämen will. – Was ist dir das Menschlichste? – Jemandem Scham ersparen. Was ist das Siegel der erreichten Freiheit? – Sich nicht mehr vor sich selber schämen.”

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