Muss ich immer konsequent sein?

Ich habe am 5.05.2014 an einer philosophischen Diskussion zum Thema “Muss ich immer konsequent sein” mit dem Referenten Markus Melchers teilgenommen.
Hier ist mein persönliches Protokoll:

Die Diskussionsrunde wurde mit folgenden drei Zitaten eingeleitet:

  • Arthur Schnitzler: „Vernünftige Leute, die die Standpunkte ihrer Parteien bis in letzten Konsequenzen zu vertreten versuchen, erwecken immer den Eindruck, als seien sie konfus geworden.“
  • Nietzsche: „Womit kompromittiert man sich heute, wenn man Konsequenz hat, wenn man in gerader Linie geht, wenn man weniger als fünf-deutig ist?“
  • Unbekannt: „Entweder konsequent oder nicht konsequent, aber nicht dieses ewige hin und her.“

Folgende Stichpunkte sind von mir so verstandene Zitat- und Gedankenschnipsel aus der Diskussion:

  • Wenn ich immer konsequent bin, bin ich kompromisslos.
  • Das Wort „Konsequenz“ tauchte in der Philosophie zuerst im Mittelalter auf.
  • Das Wort bedeutet seit dem so was wie „Folgerichtig“.
  • Lat: con = mit, zusammen; Sequenz=Abfolge.
  • Die Konsequenz ist eine definierte Regel, z.B. in der Physik eine Theorie. Sie funktioniert immer gleich unter den gleichen Voraussetzungen.
  • Ändern sich die Voraussetzungen, gilt diese Konsequenzregel nicht. Beispiel: Die Regel lautet: „Wenn die Hausaufgaben nicht gemacht sind, wird das Taschengeld gekürzt.“ Dies gilt aber nur für den Normalfall. Wenn das Kind in der Woche auf drei Geburtstagen eingeladen ist, ist es nicht inkonsequent das Taschengeld trotz nicht gemachter Hausaufgaben zu geben, da ja nicht der Normalfall vorliegt.
  • Wenn jemand konsequent immer die Wahrheit sagen will, wird er in seinem Alltag auf Probleme stoßen, die unter Umständen schlimme Konsequenzen hätten.
  • In der Erziehung sollte man konsequent sein.
  • Eltern, die beliebig sind, schädigen ihre Kinder. Beispiel:
    Eine Mutter kauft ein weißes und ein schwarzes Hemd und sagt dem Kind, es sei egal welches es anziehe. Zieht nun das Kind eines davon an und die Mutter fragt, warum es denn das andere nicht anziehe, dann ist das Kind verwirrt und lernt „egal was ich tue, es ist falsch.“ Später leiden diese Kinder oft unter dem Borderline-Syndrom.
  • Ein konsequenter Mensch ist berechenbar.
  • Wenn sich die Basis der Entscheidung ändert, darf sich auch die Konsequenz ändern.
  • Die „Zeugen Jehovas“ und die „Bibelforscher“ sind konsequente Kriegsdienstverweigerer und wanderten dafür im 3. Reich ins KZ.
  • Dennoch ist „Konsequenz“ wertfrei und muss nicht immer richtig sein. So sind z.B. „Ehrenmorde“ und die konsequente Bluttransfusionsverweigerung der Zeugen Jehovas für andere fragwürdig.
  • Das Gegenteil von „Konsequenz“ ist „beliebig“, „willkürlich“.
  • „Konsequenz“ ist ein eher harmloser Begriff. Härter wäre: „starrsinnig“, „stur“.
  • Die Konsequenz hängt vom Erkenntnisstand ab. Wo ich früher konsequent gewesen wäre, bin ich es heute nicht, weil ich mehr weiß.
  • Wenn Konsequenz zum Selbstzweck wird, besteht die Gefahr der Pedanterie.
  • Was wiegt schwerer: eine konsequente Handlung oder eine moralische Handlung?
  • Wenn ich immer nur beliebig bin, bin ich darin auch konsequent.
  • Wir handeln intuitiv konsequent die Regeln ab, die wir von klein auf gelernt haben.
  • Wer entscheidet die Ausnahmesituation, wo Konsequenz nicht gilt?
  • Konsequenz ist nicht steigerbar. Es gibt kein „noch konsequenter“.
  • Die Leute von 20. Juni wollten Hitler töten, obwohl(weil) sie konsequent das Töten verhindern wollten (Buchtipp: „Aufstand des Gewissens“).
  • Wir leben in vielen Welten gleichzeitig. Diese haben unterschiedliche moralische Wertigkeiten. Z.B. steht das Leben über dem Geld und das ist meist wichtiger als Ordnung. Diese Welten kreuzen sich oft. Dann hat die eine Konsequenz Vorfahrt vor der anderen (Konsequenzen-Hierarchie, Werte-Pyramide)
  • „Der Zweck heiligt die Mittel“ gibt der einen Wertigkeit Vorfahrt vor einer anderen.
  • Der Konsequenz entgegen spricht oft der Körper (Faulheit), der Geist, die Intuition, Inspiration,…
  • Bei Gewissensfragen muss ich konsequent bleiben!
  • Vielleicht ist es besser als konsequent zu bleiben, authentisch und zuverlässig zu sein, Charakter zu haben.
  • Es gibt auch „Gnade vor Recht“, „Fünfe gerade sein lassen“ (siehe „Vergeben und Verzeihen“).
  • Alles Predigen nutzt nicht, wenn man selber nicht authentisch ist.
  • Faller: Je rationaler wir werden, um so weniger Lebenslust haben wir. Kunst und Kreation passiert ja gegen den Strom. (Plädoyer für Inkonsequenz).

 

Und hier die Abschlußzitate:

  • Martin Seel: „ethische Rationalität ist ein Versuch das eigene Leben so zu führen, dass man nicht in seiner Lebensführung korrigieren, dass man sie aus einsichtigen Gründen verändern kann.“ (Ethisch-ästhetische Studien, [1996], S. 291)
  • Nietzsche: „Die Toleranz gegenüber sich selbst gestattet mehrere Überzeugungen.“

 

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