Gleichgültigkeit

Ich habe am 04.04.2016 an einer philosophischen Diskussion zum Thema “Gleichgültigkeit” mit dem Referenten Markus Melchers teilgenommen.
Hier ist mein persönliches Protokoll:

Die Diskussionsrunde wurde mit folgenden drei Zitaten eingeleitet:

  • Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach: “Gleichgültigkeit jeder Art ist verwerflich.”
  • Honore de Balzac: “Die Gleichgültigkeit ist wie das Eis an den Polen. Sie tötet alles.”
  • Lichtenberg: “Ein Egoist könnte in allerlei lächerliche Situationen gebracht werden.”

Folgende Stichpunkte sind von mir so verstandene Zitat- und Gedankenschnipsel aus der Diskussion:

  • Gleich gültig (Egalität) ist nicht gleichgültig.
  • Wenn man z.B. in der Politik fragt, wohin sollen die Steuern fließen (linke Tasche, rechte Tasche), so fällt die Antwort schwer, weil beide Seiten recht haben. Letztendlich ist es dann doch egal, wohin das Geld fließt, oder?
  • Das Wort Adiaphoron (=> daraus wurde “indifferent”) bei den Stoikern sagt, dass es etwas gibt was egal ist, worum man sich nicht kümmern muss.
  • Der Perspektivismus ist die absolute Gelassenheit (Entwicklungsfremdheit) des Weisen. (Man kann alle Seiten verstehen und so sein lassen).
  • Es gibt Themen, bei denen man nicht gleichgültig sein darf. Z.B. wenn Unrecht geschieht.
  • Gelassenheit schließt Mitgefühl ein, Gleichgültigkeit nicht.
  • Die Notwendigkeit in unserem heutigem Leben ist, sich nicht für alles interessieren zu können.
  • Kurze emotionale Diskussion grob nachgestellt:
    • Teilnehmerin: “Der heutigen Jugend ist doch alles egal. Sie interessiert sich für nichts mehr.”
    • Meine Antwort:
      • Es gibt unendlich viele Themen, die einen nicht kalt lassen dürfen. Z.B. Atomkraft, Flüchtlinge, Walfang, Waldsterben, Bienensterben,…
      • Man kann sich nicht für alle engagieren.
      • z.B. Glyphosat wird derzeit stark denunziert, aber ist es wirklich schädlich? Man muss sich erst in die Themen gut einarbeiten, bevor man in den Kampf zieht.
      • Die Welt ist so komplex, dass ich sehr gut nachvollziehen kann, wenn jemand sagt: “Wisst ihr was? Ich kümmere mich um meine Familie und meinen Job und gut ist!”
  • Was passiert mit der Sau, wenn sie durch’s Dorf getrieben worden ist?  (Es gibt sie nicht mehr. Wer redet heute noch über Waldsterben,…)
  • Wie entsteht Gleichgültigkeit? Durch Abnutzung?
  • Was ist das Gegenteil von Gleichgültigkeit? Neugier? Interesse? Empathie?
  • Das erste und zweite Zitat kann relativ leicht wiederlegt werden. Z.B. ob bestimmte Vereine gewinnen darf einem egal sein.
  • Gleichgültigkeit ist teilweise notwendig um nicht verrückt zu werden.
  • Totale Gleichgültigkeit ist maximale Entropie, der Wärmetod.
  • Die Stoiker entscheiden was das Wichtige ist. (Siehe dazu eine kleines Werkzeug von mir unten.)
  • Postmoderne Indifferenz z.B. “cool” Begriff aus den 90ern (ein “nicht nötig haben”).
  • Verbinde ich ein Gefühl mit einem Thema? Wenn nein, bin ich gleichgültig dem Thema gegenüber.
  • Bei moralischen Verpflichtungen darf ich nicht gleichgültig sein.
  • Ein 90Jähriger ehemaliger KZ Häftling schreibt ein Buch an die Jugend mit dem Titel “empört euch”.
  • Wir reden heute nicht über die nihilistische oder mystische Gleichgültigkeit auch nicht über biologische Überforderung.
  • Blaise Pascal spricht von einem Gleichgültigkeitsverdacht des Universums.
  • Der Fernseher ist eine “Gleichgültigkeitsmaschine” (wenn man ihn nur zur Unterhaltung nutzt).
  • Jeder der Teilnehmer hier hat ein anderes Verständnis von Gleichgültigkeit.
  • Tiere haben wahrscheinlich kein Empfinden für Gleichgültigkeit.
  • Max Weber “Die Entzauberung der Welt”: Wenn es keinen Gott gibt und das Universum kalt ist, dann kann es mir doch auch egal sein, was mit den anderen und der Nachwelt passiert.
  • Schopenhauer: Dem Planeten würde es besser gehen, wenn wir nicht da seien.
  • “Es ist egal wer du bist, hauptsache du tust, was deine Rolle von dir verlangt” (postmoderne Indifferenz)
  • Zivilcourage ist ein Gegensatz zur Gleichgültigkeit.
  • Es gibt einen Nah-Bereich, wo die meisten nicht gleichgültig handeln, alleine um auch so behandelt zu werden und einen Fern-Bereich (Z.B. Flüchtlinge) wo die Gleichgültigkeit stärker ist.
  • Die Romanfigur Oblomov von Ivan Gontscharow war auf 600 Seiten lang die Personifizierte Gleichgültigkeit.

Und hier das Abschlusszitat:

  • Hans Jonas: “Der Mensch ist das einzige Wesen das Verantwortung haben kann. Indem er sie haben kann, hat er sie.”

 

Anmerkung: In der IT-Sicherheit gibt es eine Methode um das Risiko von IT-Objekten zu bestimmen. Dieses Verfahren könnte man als Werkzeug (nach der Denkweise der Stoiker) verwenden, um das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden:

Zu jedem Thema werden die Auswirkungen, Wahrscheinlichkeit, persönliche Nähe und Aufwand (jeweils mit einer Skala von 1 bis 10) eingestuft und multipliziert bzw. durch den Aufwand dividiert. Am Ende erhält man zu jedem Thema eine Zahl die die “Notwendigkeit des drum Kümmerns” in etwa wiederspiegelt. Wenn man will, kann man danach sortieren und sich um die “wichtigsten” Themen kümmern.

Dies darf man natürlich nicht zu ernst nehmen, der “Bauch” sollte das letzte Wort haben. Aber es kann dienen, sich selbst zu orientieren.

Beispiel:

1..10 1..10 1..10 1..10 B*C*D*E/F
Thema Aus-

wirkung

Anzahl
der
Betroffenen
Wahr-

schein-lichkeit

Nähe Aufwand Gesamtergebnis
Waldsterben 3 5 3 3 2 67,5
Klimawandel 3 8 8 3 3 192
Überfall auf Nachbar 10 1 10 10 5 200
Massentierhaltung 5 5 8 4 5 160
Atomkraft 7 5 5 3 3 175
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