Gerechte Medizin

Ich habe am 8.04.2013 an einer philosophischen Diskussion zum Thema “Gerechte Medizin” mit dem Referenten Markus Melchers teilgenommen.
Hier ist mein persönliches Protokoll:
Die Diskussionsrunde wurde mit folgenden drei Zitaten eingeleitet:
  • H. Bristol Engelhard Junior (Medizinkritiker, USA): “Ein einheitliches, für alle verpflichtendes, umfassendes Gesundheitswesen ist moralisch nicht zu rechtfertigen. Es ist eine Zwangsmaßnahme, geprägt von totalitärem, ideologischem Eifer, welche die Vielfalt moralischer Perspektiven, die die Interessen an der Gesundheitsversorgung prägen, nicht berücksichtigt. Es ist ein Akt säkularer Unsittlichkeit.”
  • Ulrich Deppel (Deutscher Medizinsoziologe): “Wirtschaftlicher Wettbewerb im Gesundheitssystem ist keine abstrakte Konkurenz, sondern stets konkreter Wettbewerb um den rentablen Patienten.”
  • Hippokrates von Kos: “Medizin ist die vornehmenste aller Wissenschaften.”
Folgende Stichpunkte sind von mir so verstandene Zitat- und Gedankenschnipsel aus der Diskussion:
  • In Amerika muss man weit fahren um im Krankenhaus aufgenommen zu werden.
  • Warum muss die Gemeinschaft dafür aufkommen, wenn ein paar Idioten sich beim Ski fahren die Beine brechen?
  • Man muss zwischen der Medizin und dem Gesundheitssystem unterscheiden.
  • Viele Menschen sind für ihre Gesundheit selber verantwortlich (Raucher, Trinker, Fettsüchtige, Extremsportler…).
  • Was ist gerechte Medizin? Wer entscheidet was gerecht ist? Der Patient? (Der lieber die rote als die blaue Pille haben will?)
  • In welchem Verhältnis stehen gesunde und kranke Menschen?
  • Die Verborgenheit der Gesundheit ist das Nichtspüren der Schmerzen.
  • Was passiert, wenn Patienten als Kunden wahrgenommen werden und Ärze als Dienstleister?
  • Wer entscheidet wer welche Hilfe bekommt?
  • Die Bundesärztekammer defniert was eine Krankheit ist.
  • Die Patienten, die Krankenkasse, die Bundesärztekammer und die Politik bilden unterschiedliche Interessensgruppen.
  • Die Idee der Gerechtigkeit ist illusorisch.
  • Es gibt kein säkularmoralisches Recht auf eine Gesundheitsversorgung.
  • Wenn man ein Recht haben will, muss man auch die dazugehörige Pflicht übernehmen.
  • In Deutschland haben die Krankenkassen diese Rechte (auf gesundheitliche Grundversorgung) und Pflichten geschaffen.
  • Wie sehen diese Rechte aus? Wer definiert, was ein gutes Leben ist. Darf der Arzt das?
  • “Ich bin so lange Gesund, wie meine Schmerzen es zulassen, dass ich arbeiten kann” (angeblich von Nietzsche).
  • Der hypokratische Eid ist keine Verpflichtung mehr für Ärzte.
  • Viele Beschwerden sind Bagatellbeschwerden (Aussage eines anwesenden Arztes).
  • Der Arzt hat auch immer Angst vor den Patienten, denn sie könnten ihn verklagen.
  • Der Arzt hat zwei Feinde: Die Gesundheit und den Tod.
  • Die Vorstellung, dass die Medizin jedes Leiden beheben kann ist falsch.
  • Daher kann es keine gerechte Medizin geben.
  • Auch ist es unmöglich alle mit allem zu versorgen.
  • Daher muss über eine Rationierung gesprochen werden.
  • Ärzte und Krankenschwestern erbringen medizinische Leistungen. Aber das Essen, das im Krankenhaus gericht wird, ist eine Dienstleistung.
  • Die Medizin ist immer komplexer geworden und kein Arzt weis alles.
  • Der Deutsche geht im Schnitt 18 im Jahr mal zum Arzt.
  • Für Rückenleidende wäre es oft besser mit seinem Sack auf dem Rücken Aufbautraining zu betreiben. Aber die meisten Patienten trauen sich das nicht mehr zu und wollen lieber operiert werden, was auch dem Arzt mehr Geld bringt. (Aussage des anwesenden Arztes.)
  • Woran erkennt man ob ein Patient wirklich leidet?
  • Viele Menschen gehen zum Arzt, weil sie einsam sind.
  • Die Aussage “Krank feiern” ist eine bösartige Formulierung.
  • Oftmals erschafft das Krankheitserleben erst die Krankheit (Nozebo-Effekt).
  • Der Arzt behandelt Kranke, der Mediziner eher “Kunden” (Schönheitsoperation,..).
  • Aussagen des anwesenden Arztes:
    • Die Ärzte leben hauptsächlich von der Masse der Bagatell-Patienten, die ein mal pro Quartal kurz erscheinen.
    • Das verleitet dazu, alle Patienten so zu behandeln, dass sie so werden.
    • Beispiele für abhängig machende Medikamente, die dies Verhalten fördern:
    • BetaBlocker, Bronchialinhalator, (leicht euphorisierende) Schmerzmittel, Tranquilizer, Schlafmittel,….
    • Das Buch, welches Krankheiten definiert, hat ein amerikanisches Copyright und muss jedes Jahr erweitert werden, damit es den Verlegern Geld bringt.
  • (Hierzu passt auch ein Artikel über das Impfen von FaszinationMensch)
  • Krankheits-“erfindungen”: Burnout, ADHS, … sind “Krankheiten”, die es erst seit wenigen Jahren gibt.
  • Wer ist dann noch normal?
  • Besser investiertes Geld als in die Krankenkassen wären Gesundheitsprävention durch Änderung der allgemeinen  Lebensweise. (Menschengerechte und nicht autogerechte Städte, Slowfood, bessere Arbeitsbedingungen,…)
  • Dies wird aber durch die Bundesärztekammer behindert.
  • Warnung: wir sollten uns davor hüten, eine (Ethik)kommision zu gründen, die bestimmt, wer welche Gesundheitsleistung erhält.
  • Wie soll bestimmt werden, wie die Leistung rationiert wird: Öffentlich,mit der Gefahr, das die Patienten das Vertrauen in die behandelnden Ärzte verlieren (warum bekommt der das Herz und nicht ich?) oder für uns nicht sichtbar (so wie es jetzt läuft, wo der Arzt durch seine “Empfehlungen” rationiert) mit der Gefahr eines Schwarzmarktes?
  • Wolfgang Kerstin sieht in seinem 25 seitigem Aufsatz “Gerechtigkeit” drei Möglichkeiten wie die Medizin funktionieren könnte:
  1. durch den Markt
  2. durch einen Wohlfahrststaat (durch Steuern)
  3. durch eine Vermischung von öffentlich und privaten Geldern.
  • Wolfgang Kerstin sieht Gesundheit als ein transzendentales Gut (wie z.B. Freiheit auch).
  • Eine Gesellschaft, in der eine selektive Unterversorgung von transzendentalen Gütern herrscht (also nicht alle gleich davon etwas abbekommen), verdient nicht das Prädikat einer wohlgeordneten Gesellschaft.
  • Ein transzendentales Gut sollte aus der Ökonomie herausgehalten bleiben, darf nicht Marktkonform sein.

Abschlußzitate:

  • Friedrich von Engelhardt: “Der Umgang mit Krankheiten ist ein wesentliches Indiz, für das Niveau der einzelnen Menschen, der Gesellschaft, der Kultur.”
  • Mark Twain: “Man kann die Erkenntnisse der Medizin auf eine knappe Formel bringen: Wasser, mäßig genossen, ist unschädlich.”
Advertisements

3 Responses to Gerechte Medizin

  1. Pingback: Gerechte Medizin | Greensniper

  2. Vieles, was hier steht, sieht völlig anders aus, wenn man – nach jahrzehnten scheinbar ganz gesundem Leben, aus heiterem Himmel von einer unheilbaren, schweren, wahrscheinlich (es fehlen die Forschungsmittel) genetisch bedingten Krankheit getroffen wird, all das Gerede über Verhältnismäßigkeit der Mittel, über Bagatell-Patienten. Da ist man unglaublich froh, in einem Staat zu leben, der die solidarische Gesundheitsfinanzierung immer noch, wenn auch mit vielen Haken und Ösen, praktiziert. In den USA ist so jemand und seine Familie verloren, die private Krankenversicherung kündigt ihm ganz schnell, die medizinische Versorgung wird unbezahlbar, die Familie steht vor dem finanziellen Ruin – was bleibt da als der Selbstmord, wenn einen die Krankheit nicht schon schnell genug umbringt?

  3. Otto Wurst says:

    Wer möchte, dass Arme weniger für ärztliche Hilfe bezahlen, als Reiche, der muss auch möchten, dass Arme weniger Für Brot bezahlen als Reiche. Wollen wir im Umkehrschluss eine Gesellschaft, in der Reiche mehr für Brot bezahlen, nur weil sie Reich sind ? Möchten wir eine Gesellschaft in der somit an jeder Kasse führ Arme und Reiche verschiedene Preise gemacht werden, eine Gesellschaft, in der jeder beim Kauf jeder Ware seinen Gehalts-Scheck vorlegen muss ?

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s