Entschleunigungen, aber wie?

Ich habe am 02.01.2017 an einer philosophischen Diskussion zum Thema “Entschleunigungen, aber wie?” mit dem Referenten Markus Melchers teilgenommen.
Hier ist mein persönliches Protokoll:

Die Diskussionsrunde wurde mit folgenden drei Zitaten eingeleitet:

  • “Morgen morgen nur nicht heute, sagen alle faulen Leute.”
  • Was du heute kannst besorgen, dass verschiebe nicht auf morgen.”
  • “Wer rastet der rostet.”

Folgende Stichpunkte sind von mir so verstandene Zitat- und Gedankenschnipsel aus der Diskussion:

  • Entschleunigen ist von Beschleunigen hergeleitet,
  • Physikalisch gesehen ist sie ist die zweite Ableitung des Weges nach der Zeit.
  • Eigentlich müsste es aber Verlangsamen heissen. Zur Verdeutlichung der Begriffe hier ein paar Zahlenbeispiele für eine Stadt, deren Schulden wie folgt aussehen:
    • Beschleunigung:
      • Jahr 0: 100000 €, Jahr 1: 100100 €, Jahr 2: 101000 €, Jahr 3: 110000 €
    • Entschleunigung:
      • Jahr 0: 100000 €, Jahr 1: 100100 €, Jahr 2: 100010 €, Jahr 3: 100001 €
    • Reduzierung/Verlangsamung:
      • Jahr 0: 100000 €, Jahr 1: 990000 €, Jahr 2: 98000 €, Jahr 3: 97000 €
  • Entschleunigung ist ein Modebegriff.
  • Wir leben heute in einer Zeit in der es immer mehr Mails, Whatsapp-Nachrichtenen, … gibt, die alle verarbeitet werden müssen. Wer dies nicht tut, wird gesellschaftlich abgehängt.
  • Wir müssen immer erreichbar sein.
  • Wir müssen immer mehr gleichzeitig machen (“Multitasking”).
  • Wir werden immer an die Grenzen geführt. Wer nicht irgendwann Stopp sagt, bekommt “Burnout”.
  • Der internationale Konkurenzdruck zwingt uns dazu.
  • Aber wir wollen auch immer mehr.
  • Wir fühlen uns immer in der Opferrolle.
  • Schaffen wir es mit Effizienzmethoden den immer größer werdenden Herausvorderungen gerecht zu werden, steigen auch die Erwartungshaltungen (Reboundeffekt, Deterretorialisierung und Reterretorialisierung). Beispiel:
    • Früher gab es keine Waschmaschine und das Waschen war mühsam. Eigentlich sollte die Erfindung der Waschmaschine für mehr Freizeit sorgen, stattdessen waschen wir heute häufiger die Wäsche.
    • Wenn zwischen zwei Städten eine neue Straße gebaut wird um Staus zu verhindern, verlockt das mehr Leute zu Pendeln und auch die neue Straße ist wieder verstopft.
  • Für viele Menschen ist es illusorisch zu entschleunigen (Abiturienten, Sportler, Manager,…)
  • In der Natur verläuft das Be- und Entschleunigen nach einer e-Funktion (Konvergieren gegen ein Maximum).
    • Dies gilt allerdings nur für Einzelsysteme.
    • Auch in der Natur gibt es “unendliche Beschleunigung”, diese werden aber jeweils mit Phasenübergängen, Emergenzen bzw. evolutionären Sprüngen vollzogen.
  • Der Wunsch der Entschleunigung ist auch, nicht auf ein Ende, ein Maximum hinzuleben.
  • Was ist wirklich wichtig im Leben? Ein Kind wird sich nicht an geputzte Fenster erinnern, aber an Plätzchen backen mit der Mutter.
  • Richard Sennett (“der flexible Mensch” (Korrosion des Charakters)):
    • Nicht die Beschleunigung des Arbeitstempos ist neu, sondern die Fragmentierung und Segmentierung der Person.
    • Früher gab es eine Kontinuitätserfahrung des Selbst, heute nur fragmentarisches Bewustsein.
  • Ein  80 jähriger Mensch hat in den letzten 30 Jahres deutlich mehr erlebt als in den 50 Jahren zuvor.
  • Der Begriff Entschleunigung ist ein wertender Begriff.
  • Viele Menschen glauben heute, dass ein “langsamer Machen” gegen “Burn out” hilft, aber das eigentliche Problem ist das der Selbstfindung, Selbstbesinnung, Selbstreflexion.
    • Um vom “Burn Out” “geheilt” zu werden muss man in den Rehas hart dagegen arbeiten.
    • Das Problem von heute ist nicht der Stress, sondern das ständige Wechseln von Themen und Rollen und der damit verbundene Identitätsverlust. Am Ende des Tages weiß man nicht mehr was man geschafft hat.
  • Es gibt auch positiven Stress, der nicht entschleunigt werden muss.
  • Das Individuum, das z.B. 1750 drei Rollen gespielt hat, spielt heute 30 Rollen.
  • Die Digitalisierung führt dazu dass alles in Zahlen gemessen, gerankt werden kann, es spiegelt aber das Wesen der Menschen nicht wider.
  • Was sage ich mit wenigen Worten meinen lange nicht mehr gesehen Freunden, was ich die letzten 5 Jahre getan habe?
  • Ich kann auf die neuen Anforderungen an mich nicht mit Entschleunigen begegnen. (Ich könnte eventuell “aussteigen” oder Muße tun, aber nicht entschleunigen).
  • Wir brauchen Zeit für die wichtigen Fragen: Was ist wichtig? Was ist Bedeutungsvoll?
  • Es gibt Gegenbewegungen, z.B. slowfood, slow healing,…
  • In der Nähe von Katastrophen wird entschleunigt (schwere Krankheiten, Naturkatastrophen,…) Dann spielt der Arbeitsalltag keine Rolle mehr.
  • Die Frage lautet nicht, “Entschleunigung, aber wie?” sondern “Entschleunigung, aber wo?”
  • Zitat eines Teilnehmers: “Wir leben in einem Zeitalter, in dem es uns so gut geht wie nie zuvor und trotzdem haben wir einen Kulturpessimismus, den ich zum Kotzen finde.”
  • Gier ist ein Beschleunigungsfaktor.
  • Die Tugend ist immer die Mitte zwischen den Extremen.
  • Beschleunigung kann auch ein Weglaufen sein.
  • Gibt es Rituale der Entschleunigung?
    • Meditation, Interimszeit zwischen Job und Freizeit, Gebet,…

Und hier die Abschlusszitate:

  • Hartmut Böhme: “In modernen Beschleunigungsgesellschaften kann es Weisheiten nicht geben. Sie setzt den Wert von Erfahrungen voraus, die durch lange Lernprozesse erworben werden.”
  • Matthias Matussek: “Ich habe nichts gegen Entschleunigung, aber warum muss sie so lange dauern?”
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