Dialogischer Vortrag “Kann man Gott beweisen?”

Am 19.11.2012 hielten der praktische Philosoph Markus Melchers (M) und Prof. Dr. Hans-Joachim Piper (P) von der Uni Köln einen dialogischen Vortrag in Jülich über die (Nicht-) Existens Gottes.
(Ursprünglicher Titel: “Manchmal frage ich mich, ob es mich gibt!”)

Im folgenden habe ich versucht diesen sehr schön gepielten Dialog schriftlich in gekürzter Form einzufangen:

P: “Die Welt ist ungerecht. Es gibt Naturkatastrophen. Wie wird das sein wenn wir sterben? Gibt es einen Sinn? Sind Gedanken nur Neuronenströme?”
M: “Wie wäre es mit Gott?”
P: “Wofür steht eigentlich Gott?”
M: “Die Philosophen schätzen die Vernunft. Etwas vollkommenes muss existieren. Gott existiert, weil es nichts größeres gibt. Das Größte muss existieren, weil nichts größeres gedacht werden kann. Das ist das Endperfektissimum”
P: “Wenn ich mir 100000 € vorstelle, muss es ja nicht existieren. Existens ist kein Prädikat. Kant sagt, dass sich am Begriff ‘100000 €’ nichts ändert, ob sie existieren oder nicht.”
M: “Die Wirklichkeit gäbe es ohne Gott nicht!”
P: “Auf diese Welt mit diesem Durcheinander kann ich verzichten.”
M: “Schauen Sie sich die Planmäßigkeit der Natur an. Das muss einen Grund haben.”
P: “Designer? Regisseur? Wie passt da das Schlechte hinein?”
M: “Unsere Perspektive ist eine falsche. Vielleicht ist die Welt ja aufgezogen wie eine Uhr.”
P: “Ich habe nur diese Perspektive. Ein gütiger Gott sollte sie berücksichtigen. Auch gibt es keine Analogie für unser Universum.”
M: “Gott läßt aus vollständigkeitsgründen das Böse zu. Außerdem braucht es eine Ursache für das Universum.”
P: “Ist dieser Verursacher das Endperfektissimum? Die erste Ursache muss kein vollkommenes Wesen sein.”
M: “O.k. Aber worauf sollte sich unsere Gesellschaft gründen, wenn nicht auf religiöse Werte, z.B. Gerechtigkeit?”
P: “Ayatollas? Taliban? Pius-Brüder? Tea-Party?”
M: “Für alle menschlichen Verbindungen gibt es eine Tugend. Augustinus sagte ‘Wenn Gerechtigkeit fehlt, sind Staaten nur große Räuberbanden.'”
P: “Wir sind in der Moderne. Menschenrechte und Demokratie stehen gegen Religionen. Denken Sie an die Kreuzzüge.”
M: “Es gibt Unterschiede zwischen der Religion und den Ausführern dieser.”
P: “Da ist mir Demokratie lieber.DerStaat und die Gesellschaft produzieren erst die Religion.”
M:”Der freiheitliche Staat hängt von der Moral der Menschen ab. Er kann keine Moral definieren, ohne diktatorisch zu werden.”
P: “Sie glauben, dass Demokratie auf Religion beruht? Es reichen kognitive Argumente völlig aus. Die Natur an sich ist nicht vernünftig. Wir können auch philosophisch Moral erschaffen.”
M: “Wo bleibt der Sitz im Leben? Eine Verfassung reicht nicht aus für Moral. Und was ist mit der individuellen Lebensführung? Dem Trost?”
P: “Ich kann Trost bei Freunden finden.”
M: “Freunde helfen das erfahrene Leid tapfer zu ertragen. Aber wer tröstet wenn die Freunde nicht da sind?”
P: “Niemand. Aber was ist mit dem Jenseits? Aller Jenseitsglaube hält davon ab das Diesseits zu genießen. Gott ist Opium für’s Volk! Gott ist tot! Und wir haben ihn umgebracht.”
M: “Wenn das so wäre, dann wäre das so als wenn die Erde ohne Sonne leben müsste: alleine, dunkel, kalt und ohne Sinn.”
P: “Wir sind die Sinnproduzenten.”
M: “Der Mensch ohne Gott macht hier ein bischen und da ein bischen und stirbt dann. Ich mache mit Ihnen eine Wette: Worauf würden Sie setzen, wenn sie maximales Glück haben wollen? Entweder es gibt Gott oder nicht. Dann haben wir folgende vier Fälle:

  1. Es gibt Gott und ich glaube an ihn: -> Ewiges Glück
  2. Es gibt Gott und ich glaube nicht an ihn -> Pech gehabt
  3. Es gibt keinen Gott aber ich glaube an ihn -> Nix verloren
  4. Es gibt keinen Gott und ich glaube nicht an ihn -> Nix verloren

Wenn Sie an Gott glauben können Sie nur gewinnen.”
P: “Fehlschluß. Es gibt mehr als nur zwei Möglichkeiten: Z.B. Es gibt einen Gott, aber der belohnt niemanden, oder einen keinen Gott und trotzdem Belohnung, oder die Moslems haben recht und nicht die Christen, oder nur alle ehrlichen werden belohnt, oder viele Götter, oder…”
M: “Sie bewirken nur Verzweiflung.”
P: “Die Vorstellung, dass alles mal ein Ende haben wird frustriert auch mich. Aber es gibt da eventuell die Möglichkeit Gott über die Sprache zu beweisen. Kennen Sie das ‘Futurum Exaktum’?”
M: “Das ist das ‘Futur 2’. Es drückt aus, dass etwas zukünftig abgeschlossen sein wird. Beispiel: ‘Nächstes Jahr wird die Wahl stattgefunden haben.'”
P: “Das Futurum Exaktum drückt etwas Gegenwärtiges aus. Die Gegenwart wird für alle Ewigkeit wahr sein. D.h. es muss immer eine Gegenwart geben. Ein ewiges, absolutes Bewußtsein. Gäbe es das Futurm Exaktum nicht, gäbe es auch keine Gegenwart. Gott ist unverzichtbar für das Futurum Exaktum.”
M: “Das soll Gott sein? Einer der so einer Logik folgt? Da wirkt es wie ein Wunder, dass trotz aller Argumente gegen Gott so viele Menschen immer noch an Gott glauben. Das ist für mich ein Gottesbeweis!”

Ausschnitte aus der anschließenden Diskussion:

  • Frage aus dem Publikum: “Gibt es Zeit, wenn es keine Subjekte gibt?”
    Antwort aus dem Publikum (von mir): “Der Astrophysiker Andre Linde hat mal gesagt, dass ‘Zeit die Wechselwirkung des Bewußtseins mit der Materie sein könnte.’ Zeit (Gegenwart) und Subjekt scheinen also einander zu bedingen.” (Details dazu stehen in meinem Artikel “Was ist Zeit“)
  • Das Foturum Exaktum stammt von Robert Spähmanns “Der letzte Gottesbeweis”
  • Das alle Völker irgendwie an Gott glauben nennt man den “historischen Gottesbeweis”
  • Die Grammatik der Sprache beeinflußt unser Denken. Subjekt + Prädikat: “Es blitzt” suggerieren, dass es einen Jemand gibt, der blitzt.
  • Frage aus dem Publikum: “Wenn Gott vollkommen ist, wofür gibt es dann die Schöpfung?”
    M: Leibnitz beantwortete dies mit: “Würde es eine vollkommene Schöpfung geben, dann gäbe es Gott zwei mal.”
  • Frage aus dem Publikum: “Wenn jeder Mensch eine unsterbliche Seele hat, trägt dann jeder ein Stück Gott in sich?”
    M: “Die Philosophie ist sich uneinig, was die Seele ist”
    P: “Wir müssen unser Bewußtsein ernst nehmen. Denken ist primär. Jeder von uns schreibt mit an der Weltgeschichte. Wir sind Teil des Unendlichen.”
  • Frage aus dem Publikum: “Wenn Gott Gott ist, warum braucht er unseren Glauben?”
    M: “Die Gedanken Gottes sind nicht zu denken (Kant). Anders herum: Warum brauchen Menschen Gottesbeweise?
    Wie gehen wir mit Gott um. Halten wir es mit Epikur, der nichts mit Gott am Hut hat oder sind wir in Gott gebettet?”
    P: “Unser Glaube hängt auch oft von unserer Erfahrung ab, von der Entwicklung in unserem Leben.”
  • Frage aus dem Publikum: “Ist der Gottesglaube nicht eine Kulturleistung? Eine Entwicklung?”
    M: “Nein. Religionshistoriker sehen das nicht mehr so. Aber die Religion ist eine kulturelle Leistung.”
  • Anmerkung aus dem Publikum: “Der Glaube ist vergleichbar mit Liebe. Wenn man einander dient nur um bedient zu werden, ist es ein Kuhandel und das hat nichts mit Liebe zu tun. Liebe ist aber genau so echt wie bedingungsloser Glaube.”
  • P: “Der Geist steht über dem Gehirn. Er konzipert. Er macht sich Gedanken über das Gehirn. Er modelliert es.”
  • Anmerkung aus dem Publikum: “Wenn wir nur die Summe unserer Teile sind, ist das zu wenig. Die Wissenschaft liefert nur die Summe der Dinge.”

Kontakt und Veranstalter: http://www.kkrjuelich.de

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