Der rote Faden

“Der rote Faden des Lebens. Das, wofür es sich zu leben lohnt, Ziele, Träume, Wünsche. Drumherum nur Dekoration und manchmal auch Geschenke.” (Mir bekannte Autorin)

Heute morgen bin ich aufgewacht, habe etwas philosophiert, bin auf’s Klo gegangen, habe das private Notebook aufgeklappt und schreibe jetzt dieses Artikel.
Soweit so unspektakulär. Das einzige ungewöhnliche daran mag sein, dass heute Montag ist und ich normalerweise um diese Uhrzeit am Arbeits-PC sitzen würde. Heute ist Feiertag.
Ich hätte die Geschichte auch anders erzählen können:
Vor ein paar Wochen las ich einen Artikel von einem Mann, der (außer Tieren) keine Freunde hatte und der sich letztendlich umbrachte, weil er keinen Sinn und keinen roten Faden für sein Leben finden konnte. Dieser Gedanke lies mich nicht mehr los und ich überlegte, was ist eigentlich ein “roter Faden”?
Das klingt schon spannender, ist aber auch nur ein Teil der Wahrheit, warum ich jetzt hier sitze und diesen Artikel schreibe. Weitere Wahrheiten sind: Ich will etwas sinnvolles tuen, ich möchte Wissen und meine Meinung verbreiten, ich möchte unterhalten, ich möchte ein Lebenszeichen von mir geben, eine Freundin von mir grüßen, ich suche nach Anerkennung, draußen regnet es,…
Letztendlich gibt es immer unendlich viele Gründe warum etwas so ist, wie es ist. Man könnte das z.B. in etwa so in einem Fischgrätendiagramm darstellen:


Diese Darstellung verdeutlicht auch, wie komplex es ist, einen “Schuldigen” zu finden. Oftmals passiert etwas (nicht) und wir suchen als erstes eine Person, die das verursacht hat. Dazu picken wir uns eine beliebige (meistens für uns sehr passende) Elementenkette aus dem Ursachengeflecht heraus und geben ihm überproportionale Bedeutung. Dies gilt für den Alltag sowie für die Politik.
Der rote Faden ist ein willkürlicher, von uns Menschen erschaffener, Ausschnitt aus dem Korellationsgewebe. Er ist eine der möglichen Geschichten (Historie=Geflecht), die man erzählen kann. Oftmals ist er die spannendste Variante (an deren Realität an einigen “unbedeutenden” Stellen schon mal etwas geschummelt wird um die Geschichte konsistent zu halten).

Unser Gehirn arbeitet mit diesen Geschichten, vor allem die, die einen selbst betreffen. Man nennt das Kohärenz. Sie formen das, was wir für unser Selbstbild brauchen. “Zerrissenheit zerstört den roten Faden im Leben.” (Mir bekannte Autorin)

Unsere eindimensionale Sicht auf die Dinge, auf die für uns viel zu komplexe Welt, hilft uns schnelle Entscheidungen zu treffen, birgt aber auch die Gefahr andere Sichtweisen auszublenden (Fäden anderer Farben). In Spielfilmen (vor allem pathetischen) wird uns diese einfache Denkweise vorgelebt. Da ist der Held in EINER spannenden Geschichte. Die Statisten, die oft zu hunderten im Graben krepieren, interessieren dabei nicht. Ihre Vernichtung wird oft sogar vom Zuschauer in Kauf genommen, weil sie dem Ziel im Wege stehen. Ihre Fäden sind sekundär.
Mein Apell an dieser Stelle ist: Wir sollten solche Medien bewusster konsumieren, uns klar machen, dass sie nicht unseren Alltag widerspiegeln. Und dort sollten wir oftmals das Tempo raus nehmen und gewohnte (auch durch Medien erlernte) Reflexe hinterfragen.

Man kann den Spieß aber auch umdrehen und den Blick nach vorne wenden. Ohne einen roten Faden würde sich unsere Zukunft völlig chaotisch weiter entwickeln. Alle an ihr beteiligten Systeme haben ihre eigenen Regeln und beeinflussen sich gegenseitig. Dadurch dass wir Ziele haben, entsteht etwas, was es ohne diese nicht gegeben hätte. Wir werden motiviert, planen und greifen aktiv in unsere Umwelt ein.
Natürlich müssen die Ziele SMART sein, sonst werden sie nicht erreicht, aber viel wichtiger ist, dass sie einen Boden haben der trägt.
Nur Menschen und Gott können Ziele (und damit Sinn) erschaffen.
Wer in unserem Leben ist so vertrauenswürdig, dass er mir Ziele geben kann, die die Motivationslücken überbrücken? Vertrauen wir uns selber genug? Auf die innere Stimme?

Achim Mertens

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