Buchzusammenfassung: Armin Nassehi – Die letzte Stunde der Wahrheit

Über das Buch:
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Das Buch “Die letzte Stunde der Wahrheit” (Kursbuch.Edition) von Armin Nassehi  an sich ist in einer anspruchsvollen Sprache geschrieben, die aber nach etwas Einlesen flüssiger wird und durch die Wortwahl bereichert. Aus meiner Sicht ist es eines der besten Bücher die ich in den letzten Jahren gelesen habe. Es trifft einerseits genau das, was ich sowieso schon gedacht habe, bestätigt meine Denkweise dadurch und schafft auch vertrauen. Andererseits habe ich sehr viel neues über das Thema Komplexität gelernt.

Eine absolute Empfehlung für jeden, der verstehen will, warum wir die derzeitigen Krisen haben, warum viele Menschen Trump oder Erdogan wählen, warum der Hunger und die Ungerechtigkeiten dieser Gesellschaften immer noch nicht abgeschafft sind.
Bis zur Zeit der Aufklärung waren die Menschen (Aber-)gläubig. Dann verstanden sie Kausalitäten. Jetzt müssen sie lernen mit Komplexitäten umzugehen. Das Buch ist ein Plädoyer für diese neue Denkweisen.

Bevor ich auf das Buch eingehe, möchte ich ein kleines Beispiel aus dem Alltag bringen. Es soll der Anschaulichkeit dienen und schon mal ein paar Begriffe einführen:

Ein kleines Beispiel von mir über Komplexität und Kohärenz aus dem Brett-Spiel “Siedler von Catan”
  • Meine Frau stellt den Räuber auf eines meiner ertragreichen Felder.
  • In den nächsten Zügen wird drei mal die Zahl gewürfelt die mir Erträge für genau dieses Feld gebracht hätten.
  • Meine Frau gewinnt das Spiel knapp.
  • Soweit die Fakten. Meine Kohärenz (also die Story die ich daraus mache, den roten Faden den ich sehe) sieht dann aber so aus: “Weil du den Räuber auf mein Feld gesetzt hast, habe ich das Spiel verloren. Du bist Schuld!”
  • Weitere Faktoren des Spiels wurden bei dieser Aussage aber (bewusst oder unbewusst) nicht berücksichtigt: Das physikalische System der Würfel, die Anfangsbedingungen durch die gelegten Felder, die Strategien der Mitspieler, meine eigene Strategie,…
  • All diese Faktoren führen zu einer Eigendynamik, die das (daraus emergierende) Spiel erst so interessant macht.
  • Es ist deutlich zu kurz gegriffen nur meine (oder eine beliebige andere) Sichtweise da raus abzuleiten. Es gibt den einen wahren Erzählstrang für das Spiel nicht.
Inhalte und Erkenntnisse:

Folgende Punkte sind von mir so verstandene Inhalte, bzw. auch von mir daraus abgeleitete Erkenntnisse aus diesem Buch. Sie sind natürlich nur eine subjektive Auswahl:

  • Eine Geschichte beginnt nie auf einem weißen Blatt, sondern immer mit Vorbedingungen.
  • Man kann nicht durchregieren. (S. 9)
  • Komplexität bedeutet, dass der jetzige Zustand mehrere weitere Zustände annehmen und nicht eindeutig kausal aus der Vergangenheit hergeleitet werden kann. (S.19, S. 64)
    • Daraus abgeleitet sollte jegliche Schulddiskussion (bei komplexen Systemen) hinterfragt, wenn nicht gar eingestellt werden.
  • Es gibt von Natur aus keine Geschichten die aufgehen – Sie sind vom Menschen erfunden (Kohäsion) (S.21). D.h. Unser Dasein in der Welt erlebt Ereignisse eigentlich als zufälliges Rauschen. Wir sind es, die darin Muster erkennen.
  • Es gibt keine Weltformel. (S. 22)
  • Wir Menschen kommen mit Komplexität nicht klar, wir brauchen einfache, eindimensionale (schwarz – weiß) Bilder. Donald Trump (und andere Populisten) sprechen diese Sprache und werden deswegen gewählt. (S.24)
  • Antipodische Konfliktsysteme (z.B. politisch: rechts vs. links) sind sehr stabil. (S. 24)
  • Komplexe Systeme können nicht mit unserer seriellen Sprache erzählt werden. Wir sehen ein Geflecht, malen einige Woll-stückchen davon rot an und behaupten, wir hätten den roten Faden gefunden. Wir rutschen immer wieder in eindimensionale Ansichten ab. Als Beispiel wird die Kritik am Kapitalismus gewählt.
    • Die Linke Darstellung sieht den Kapitalismus als ein Objekt, welches man (politisch) gestalten kann.
    • Die liberale Darstellung glaubt an Einzelakteure, die, wenn sie einsichtig wären, das Gesamtsystem zielführend verändern könnten.
  • Beide Darstellungen sind deutlich zu kurz gegriffen (Er spricht von Illusionen) und bieten keine Lösungsmodelle, obwohl sie in sich logisch und konsistent sind.
  • Komplexität entsteht durch andere Unterscheidungsfragen, durch eine neue Ordnung, durch neue Kategorien.
    Armin Nassehi macht das am Beispiel von Galileo Galilei deutlich, der neben der religiösen eine naturwissenschaftliche Ordnung (bzw. “Gemeinsamkeitsillusion”) einführt. Vorher gab es nur “Heilig” oder “Unheilig”. Jetzt kommt “Wahr” oder “Falsch” hinzu. Eine Ordnung, gegen die die Kirche letztendlich nichts unternehmen konnte, da sie außerhalb des Wirkungsbereichs (Religion) ist.
  • Die verschiedenen Weltbilder sind inkompatibel.
  • Schwarmintelligenz besteht aus zwei Sorten:
    • Kollektive Intelligenz: Mehrere Personen schätzen etwas ab (z.B. Bohnen im Glas) und kommen im Mittelwert auf gute Ergebnisse.
    • Verteilte Intelligenz: Verteilte Intelligenzen sind in viele kleine abgegrenzte und damit autarke Gruppen aufgeteilt, die jeder für sich arbeiten und sich rege austauschen. Dadurch kommt es zu vielen Win-Win-Situationen. Neue Systeme entstehen.
  • Da jedes System eigene Logiken hat entstehen unüberwindbare Grenzen (Interdependenzunterbrechung). Ein direktives eindringen wird erschwert bzw. unmöglich (z.B.: Was juckt es der Wahrheit, wenn etwas religiös verboten sein sollte).
  • Ist erst einmal eine neue Ordnung entstanden (d.h. es gibt mehrere Gläubige dieser Ordnung) entstehen “von alleine” (emergieren) neue Optionen, neue Freiheiten.
  • Beispiele neuer Ordnungen der Moderne: Wissenschaft, Politik, Kunst, Rechtesystem, Massenmedien, Ökonomie,…
  • Moralische Ansprüche scheitern an den “brutalen Zugzwängen” der anderen Logiken (Motivationslücke)
    • “Wahrscheinlich ist dies der Grund dafür, dass sich moderne Gesellschaften meist als Krisenhaft erleben, eben weil sie nicht in der Lage sind die unterschiedlichen Logiken miteinander zu koordinieren”. (S. 93)
  • “Die Trennung der Logiken löst ein Komplexitätsproblem, nämlich dass Dinge gleichzeitig unterschiedliche Bedeutung haben können … zugleich erzeugt diese Lösung das Problem, dass durch die Steigerung der Optionen neue Komplexitätsprobleme auftreten”. (S. 96)
  •  “Wenn man das Komplexitätsproblem nicht ernst nimmt, dann muss man sich am Ende von Verschwörern umgeben sehen, die dafür sorgen dass (immer) die falschen politischen Entscheidungen aus demokratischen Wahlen resultieren”. (S. 104)
  • Komplexität besteht aus vier Elementen (S. 106):
    • Perspektivendifferenz (nebeneinander etablierte unterschiedliche Kategorien)
    • Verteilte Intelligenz
    • eigene Spielregeln (simple Basislogiken gepaart mit komplexen Dynamiken)
    • Optionssteigerungen (eigene Freiheiten durch den Verzicht externer Stoppregeln)
  • Wachstum folgt einer grundsätzlichen Ästhetik. Immer dann wenn neue Systeme entstehen zeigt sich eine Exponentialkurve, vergleichbar mit der “kambrischen Explosion”.
  • Krise: Wenn ein System nicht mehr als zusammenhängend, konsistent empfunden wird, wenn die althergebrachten Theorien nicht mehr funktionieren.
  • Als krisenhaft wird auch empfunden, dass man nicht in die anderen Systeme eindringen kann, z.B. die Politik nicht in die Ökonomie. Die Lösungsangebote sind dann naiv, lächerlich und oftmals gefährlich (“Endlösung”).
  • Armin Nassehi unterscheidet zwischen anlogen und digitalen Welten:
    • Analog: klassisch, zusammenhängend, wirklich, allumfassend, pragmatisch (aber nicht begründend, deterministisch), Lücken übersehend, kontinuierlich, glatt, wie erwartet. Das Gehirn bereitet die Informationen entsprechend zu.
    • Digital: Zählbar, unterbrochen, diskret, Zeichen.
  • Digitalisieren bedeutet, die Kohärenz des Digitalisiers anzuwenden (den roten Faden des Autors zu übertragen)
  • Digitale Daten können auf andere Weise rekombiniert werden. Bücher digitalisieren die Welt und werden von Lesern unterschiedlich in deren analoge (pragmatische) Sichtweise interpretiert
  • soziale Digitalisierung: Ein Auseinanderklaffen der Gesellschaften (S. 137). Jede neue Gesellschaftsform erschafft sich seine Analogien (Weltansichten, bewährte Praktiken)
  • Managerblick: “Je weniger man hin sieht, desto genauer sind die Dinge zu sehen” (S.138)
  • “Die drei politischen Typen rechter, linker und konservativer Ideen zur Veränderung und Verbesserung der Welt sind solcher Art analoger Beschreibungen einer Welt, die sich aus ihrer digitalen Komplexität fast allen kausalen Mechanismen entzieht.” (S.139)
  • Kausalität ist nur ein Ordnungsprinzip (S. 139).
  • “Big Data macht aus analogen Anwendern digitale Phänomene… in einer Weise, dass zu einen Daten rekombiniert werden können, die gar nicht für eine konkrete Rekombination gesammelt wurde. Zum anderen entstehen dadurch statistische Gruppen, die in der analogen Welt so gar nicht vor kommen.” (S. 146-147)
  • Die Ökonomie ist ein gesellschaftliches Phänomen, dass sich von Politik, Rechtssystem, Wissenschaft, Religion,…abgekoppelt hat. All diese Logiken erlauben sich wechselseitig jene Dynamiken, die die Moderne so Janusköpfig macht.
  • “Die gesellschaftliche Moderne ist durch eine wirklich kuriose Eigentümlichkeit geprägt: gerade aufgrund ihrer Struktur verteilter Intelligenz und gerade wegen ihrer Komplexität und Dynamik ist sie letztlich durch so etwas wie Zugriffe und Eingriffe kaum aus der Ruhe zu bringen, eben weil jeglicher Zugriff immer von einer konkreten Position aus erfolgt und die Fantasie ihrer Umgestaltung und Kritisierbarkeit kaum Adressaten findet.” (S. 186)
  • Der Aufruf zur “Nichtwachtumsökonomie” ist letztendlich Gutmenschentum, ein Paradebeispiel für “komplexitätsvergessene Vernunft”. (S. 192)
  • Jeder Eingriff in Prozesse irritiert nicht nur genau diese, “sondern eben auch andere, die nach anderen Erfolgsbedingungen und Handlungsregeln funktionieren.” (S. 195)
  • Jedes System hat seine eigene Sprache. Ein Übersetzen in ein anderes System ist nicht im Sinne von Übertragen möglich, eher im Sinne von Gemeinsamkeiten finden (Was bedeutet das, was der andere sagt für meine Welt). (S. 198)
  • Es müssen (wenn ein Austausch statt finden soll) Übersetzungskompetenzen (Schnittstellen) er/gefunden werden. Jemand, der in der Lage ist, beide Welten zu verstehen und die Auswirkungen von Aktionen für beide betroffenen Systeme klar zu machen. (S. 200)
  • Eine Wahrheit, die in einem System gilt, ist für andere irrelevant oder sogar falsch.
  • Problemlösungstools und Versuche der Einwirkung in komplexe Dynamiken und Prozesse sollten mit dem Problem der Komplexität rechnen … auch das Faktum, dass es keine letzten Lösungen gibt.” (S.201)
  • “Geld hat oft eine schlechte Presse, aber es gehört unbestreitbar zu den besonderen Errungenschaften des Geldes, Unterschiedliches kompatibel zu machen, das heißt, mit Vielfalt und Perspektivendifferenz umzugehen und dafür ein gemeinsames Maß zu finden… Seine Stärke: Werte ineinander übersetzbar zu machen.” (S. 202)
  • Wir müssen lernen (die meisten können das schon) es auszuhalten das es Differenzen gibt (Urbaner Habitus/städtische Pluralität). Streit über Perspektiven ist ein essentieller Bestandteil der Demokratie, des Wissens, des Rechts,… (S. 205)

Fazit:

Wenn ich etwas bei anderen Verändern (oder “die Welt retten”) möchte, muss ich akzeptieren was nicht geht und was geht:

  • Nicht-Lösungsangebote in (Inter-)komplexen Systemen (also das, was prinzipiell nicht funktioniert und maximal Teilerfolge aber keine Lösung bringen wird):
    • Lineare Geschichten (Erst kam das, dadurch passierte das,…).
    • Einfache Schuldzuweisungen.
    • Einfache Lösungsansätze (sobald dieses Problem behoben ist, haben wir auch jenes Problem nicht mehr).
    • Direktiver Eingriff in Fremdsysteme (Mit Strafandrohung oder Gewalt Änderungen erzwingen – Es wird zu Widerstandserschaffung (Resistenzen) und Ausweichhandlungen kommen).
    • Eine einheitliche Welt fordern.
    • Eine Gemeinschaftsideologie umsetzen wollen.
  • Lösungsangebote:
    • Wir selber können neue Systeme erschaffen. Gerade durch die Komplexität der Moderne haben wir unglaublich viele Freiheiten. Es kräht letztendlich, solange wir nicht in andere Systeme eindringen, kein Hahn danach was wir tun. Das Ermöglicht uns auch die Freiheit bestimmte Unschönheiten dieser Welt (z.B. den Hunger, die Unterbildung, Krankheiten,…) aktiv anzugehen.
    • Diese Systeme haben dann natürlich nur einen Wirkungsbereich im Rahmen unserer Möglichkeiten und nicht Weltumspannend (wer aber immer noch denkt, dass es “eine” Welt gibt, die man retten könnte, sollte das Buch noch mal von vorne lesen). Aber man kann sich organisieren oder Organisationen anschließen oder unterstützen, was den Wirkungsbereich deutlich erhöht.
    • Und auch dann, wenn man (gezielt) in die Systeme anderer eindringt (Politik, Korruption, CO2-Reduzierung, persönliche Fehlverhalten,…) ist man nicht ganz machtlos. Denn jetzt haben die anderen einen Ansprechpartner. Man selber kann auf bestimmte Fehlverhalten hinweisen (oftmals ist den anderen ja gar nicht bewusst, dass Teile der Auswirkungen ihres Handelns anderen auf die Füße treten).
    • Man kann die Unterbrechungen nur überwinden, wenn man sich mit der anderen Seite auskennt, weiß wie sie denkt und handelt und dann Lösungsangebote liefert, die den anderen nicht weh tun oder sogar einen Gewinn bringen (Win-Win-Situationen schaffen).
    • Interdisziplinare Währungen anbieten (Geld, Arbeitzeit, CO2-Gehalt, Wählerstimmen,  …). So kann man sein eigenes Thema systemübergreifend etablieren.
    • Perspektivendifferenzen entdramatisieren (Soll doch jeder seines Glückes Schmied sein).
    • Ethikkommissionen einrichten. Gremien finden, die sich den neuen Komplexitäten stellen und Auswirkungen diskutieren und Handlungsvorschläge erarbeiten und ggf. auch vertreten (Lobby-Gruppen).

Achim Mertens