“Vergeben und Verzeihen” – eine philosophische Diskussion mit Markus Melchers

Ich habe am 7.5. an einer philosophischen Diskussionsrunde zum Thema “Vergeben und Verzeihen” mit dem Referenten Markus Melchers teilgenommen.
Hier ist mein persönliches Protokoll:

Die Diskussionsrunde wurde mit folgenden drei Zitaten eingeleitet:

  • Friedrich II. : „Man muss verzeihen können. Das Leben des Menschen ist zu kurz, als dass er es mit Nachtragen und Rachsucht hinbringen könnte.”
  • Madame de Stael: „Alles verstehen, heißt alles verzeihen.”
  • Schopenhauer: „Vergeben und vergessen heißt, kostbare Erfahrungen zum Fenster herauswerfen.”

Folgende Stichpunkte sind von mir so verstandene Zitat- und Gedankenschnipsel aus der Diskussion:

Was ist Vergeben und Verzeihen?

  • Schuld, Bekenntnis und Reue sind oft Vorraussetzungen zum Verzeihen.
  • Zum Verzeihen gehört Größe.
  • Vergeben und Verzeihen sind philosophisch dasselbe, in der Religion nicht (da ist Vergeben was größeres als Verzeihen).
  • Bei den Katholiken kann der Priester die Schuld vergeben.
  • Im “Vater unser” werden wir zum Vergeben aufgefordert: “Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern”.
  • Man kann um des lieben Frieden Willens verzeihen.
  • Eigentlich können nur die Opfer verzeihen (diese sind jedoch manchmal auch schon tot).
  • Es muss nicht immer Reue mit im Spiel sein.
  • “Nachtragen” ist wie einen Rucksack schleppen, in dem man die Verfehlungen des anderen trägt und der immer schwerer wird.
  • Der Vergebende steht in einer subjektiven Position. Der Schuldige sieht oft sein Fehlverhalten nicht.
  • Man kann sich nicht selber entschuldigen, man kann nur darum bitten.
  • Schuld ist eine subjektive Größe. Ab einer bestimmten Grenze ist Verzeihen nicht mehr möglich.
  • Verzeihen richtet sich aber auf das Unentschuldbare.
  • Die Griechen inkl. Platon und Aristoteles: Alles was ohne Vorsatz oder aus Unwissenheit geschehen ist, ist verzeihlich.
  • Die Stoiker: Jede Handlung eines Menschen ist unverzeihlich (da er ja vernunftbegabt ist).
  • Epikur: Verzeihen ist eine kulturelle Grundhaltung.
  • Fringsen (kleiner Mundraub in Notsituationen) ist verzeihlich, aber wenn Kinder ohne Not klauen muss dies geahndet werden.
  • Durch das Verzeihen kann der Täter gedemütigt werden, weil das Opfer seine Macht über ihn demonstriert.
  • Es macht einen Unterschied einem Freund oder einem Feind zu verzeihen.
  • Gnade löscht die Strafe, nimmt aber nicht zwingend die Last des Opfers
  • Verzeihen ist Auflösen von Schuld oder zumindest ein Schuldenschnitt.
  • halbherziges Verzeihen ist der verzweifelte Versuch eine Tat ungeschehen zu machen.(Achim Mertens)
  • Verzeihen kann auch egoistisch sein.
  • Verzeihen ist ein Selbstschutz mit erlösender Wirkung.
  • Verzeihen ist kein Schwamm drüber. Dies wäre ein marginalisieren (ist halt so) der Tat (was auch ein Weg aus dem Problem sein kann).

Wie kann man verzeihen?

  • Manchmal hilft Verständnis für den Täter beim Verzeihen (Er hatte ja Hunger)
  • Der Verzeihende ist der aktive.
  • Verzeihen ist “loslassen”, bewußtes aussteigen aus dem gedanklichen Strudel.
  • Manchmal braucht man Hilfe beim Verzeihen.
  • Ein Christ hat den Vorteil, dass er Vergebung seiner oder der Schuld des anderen von Gott geschenkt bekommen kann.
  • Verzeihen bedeutet die Schuldbeziehung (Strafe, Rache,…) aufzulösen.
  • Eltern und Kinder müssen sich oft verzeihen. Kinder haben einen Mechanismus, der sie die Fehler ihrer Eltern nicht erkennen läßt.
  • Nichtverzeihen kann auch eine Lösung sein, wenn man dann die Konsequenzen zieht (z.B. den Partner verläßt).
  • Verzeihen ist das öffnen einer Türe für eine gemeinsame Zukunft (Hanna Ahrend)
  • Versöhnung ist nicht unbedingt Verzeihen (weil die Schuld bestehen bleibt), aber auch ein Weg nach vorne.
  • Beim Verzeihen geht es um die Wiederanerkennung der Person.
  • Verzeihen ist anstrengend, Nichtverzeihen aber noch mehr.

Schlußzitate:

  • Wilhelm Weischedel: “Güte ist sie die behutsame Bejahung des Mitmenschen … Sie ist auch da zum Verzeihen fähig, wo wir ernsthaft gekränkt worden sind oder wo der andere sich in Schuld uns gegenüber verstrickt hat.”
  • Ambrose Bierce (Aus dem Wörterbuch des Teufels): Vergebung ist ein taktischer Zug, der dazu dient, einen Finsterling einzulullen, um ihn beim nächsten Mal in flagranti zu ertappen.
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